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Kurzgeschichte

Die Mutprobe


Meine Schwester und ich haben als Kinder die Schulferien immer bei unserer Oma Else verbracht.Unsere Oma wohnte in einem kleinen Dorf in Niedersachsen wo jeder jeden kennt und jeder über jeden alles wusste. Es gab nur eine Straße, die Dorfstraße, die sich um die
paar Häuser schlängelte. Da die Strasse in einem schlechten Zustand war, fuhren die Autos sehr langsam. Zum Glück fuhren überhaupt nur sehr wenige Autos, nur so ca. 10 Autos am Tag – wir
haben gezählt!

Unsere Oma wohnte in der Dorfmitte in einem alten Steinhaus. Der kleine Garten vor dem Haus war voller bunter, duftender, schöner Blumen. In dem kleinen Garten hinter dem Haus baute meine Oma Obst und Gemüse an. (Ihr beim Ernten zu helfen war bei uns beiden
nicht so beliebt.) Da es, wie gesagt, kaum Autos gab, durften wir uns überall aufhaltenund spielen. Den ganzen Tag tobten wir mit den anderen Kindern herum, die auch in den Ferien ins Dorf gekommen waren. Es war ein herrliches Gefühl von Freiheit!

Es gab auch zwei Kinder, die immer dort wohnten. Ihre Eltern konnten sich, glaube ich, nicht um sie kümmern oder waren gestorben, und so wuchsen sie bei den Großeltern auf. Überhaupt war das Dorf voller alter Leute und einige waren schon irgendwie merkwürdig. Am wenigsten mochten wir Herrn Krause, der am Ende des Dorfes in einem schon ziemlich verfallen aussehenden Holzhaus wohnte. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Herr Krause hasste es, wenn seine Ruhe von einer Horde Kinder gestört wurde. Natürlich reizte uns das dazu, ihn regelmäßig zu ärgern.

Das alte Holzhaus von Herrn Krause war von einem großen Garten umgeben in dem viele alte und große Obstbäume wuchsen. An einer Seite des Gartens war eine alte hohe Mauer. Die Mauer war schon an einigen Stellen abgebröckelt und auch der Garten war, wie das Haus und die Mauer, etwas verwahrlost.

Mindestens einmal am Tag halfen wir uns gegenseitig auf die Mauer und schrien im Chor: „Rumpelstilzchen, Rumpelstilzchen“ – so lange, bis Herr Krause so wütend wurde, dass er aus seinem Haus herauskam. „Macht dass ihr wegkommt“, wenn ich euch kriege“, brüllte er und fuchtelte mit seinem Gehstock herum. Das war für uns dann höchste Zeit von der Mauer zu springen und kreischend wegzurennen. Meistens versuchte Herr Krause uns hinterher zu gehen. Laufen konnte Herr Krause nicht richtig, da sein eines Bein viel kürzer war als das andere. Wir fühlten uns jedenfalls sicher und es war ein richtiger Spaß! Unsere Oma missbilligte natürlich unsere Streiche. Sie meinte, dass Herr Krause ein ganz schlimmes Schicksal hat und wir ihn in Ruhe lassen sollten. Wir haben das natürlich damals nicht wirklich begriffen. Wir Kinder hassten ihn. Und natürlich war es eine unserer Lieblingsbeschäftigung Herrn Krause
zu ärgern.

Nachdem wir Herrn Krause auf diese Weise schon zigmal geärgert hatten, verlor sich langsam der Nervenkitzel. So kam es dazu, dass wir uns eine Steigerung ausgedacht hatten. Einer von uns sollte einen Apfel aus Herrn Krauses Garten klauen und zwar von dem Baum, der mitten im Garten stand und voller grüner Äpfel war. Ich war natürlich sofort dabei und wollte als erste diese Mutprobe bestehen. So gingen wir am nächsten Tag wieder zu Herrn Krause. Während die anderen Kinder auf der Mauer standen und „Rumpelstilzchen, Rumpelstilzchen“ sangen, wartete ich, hinter einer Hecke versteckt, darauf, dass Herr Krause den anderen Kinder nachging. Und so war es dann auch. Sobald Herr Krause durch sein Gartentor humpelte, schlich ich mich durch das offene Tor in den Garten zu dem Baum. Als ich unter dem Baum stand, merkte ich, dass ich ein bisschen zu klein war, um einen Apfel von dem Baum pflücken zu können. Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht und ich wurde schon ein bisschen panisch. Doch ich war entschlossen, mir den Apfel zu holen.

Ich sah mich um. Es lagen einige Stöcke herum. Ich nahm mir einen und schleuderte ihn gegen einen Ast, der viele Äpfel trug. Zum Glück fiel gleich beim ersten Versuch ein Apfel herunter. Ich nahm ihn an mich und lief schnell davon. Beinahe bin ich am Gartentor dann mit Herrn Kraus zusammengestoßen, der die Verfolgung der anderen Kinder unerwarteter Weise frühzeitig abgebrochen hatte. Doch ich war flink und so konnte er mich nicht fassen. Er versuchte nicht, mir
nachzugehen, doch rief er: „Haltet den Dieb“ hinter mir her und fuchtelte mit seinem Gehstock in der Luft umher. Ich lief und lief – es war ein berauschendes Gefühl! Als ich auf einer Wiese anhielt, um Luft zu holen, sah ich mir mein Diebesgut an. Ein wunderschöner Apfel. Ich biss hinein. Köstlich! Nie wieder hat ein Apfel so gut geschmeckt!

© Brenda Hilbig

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